Vision und Wirklichkeit
Heidi Schmidinger führt den Betrachter auf eine phantastische Reise durch Raum und Zeit. Wie aus der Zauberhand eines feinen Geistes steigen Tänzer aus einer Fruchtblase ins Licht, halten sich Gesichter verborgen in Pflanzen, verlöschen Säulen am Himmel, in dem sich ein Nest aus Hölzern formt, die zur Insel im Meer wird. Geschlossene Formen geraten in Bewegung, brechen auf, werden durchlässig, geben den Blick frei auf Hintergründiges, Traumhaftes, Abstraktes und Gegenständliches.
In perfekt abgestimmten Übergängen verwebt die bekannte Fotokünstlerin aus Wasserburg ihre gemäldeartigen Einzelbilder, schafft eine Überblendprojektion der anderen Art, die den Zuschauer einlädt, sich in einer Entschleunigung der Sinne für das langsame Heranreifen von Formen, Farben und Empfindungen zu öffnen: „Meiner Arbeit liegt der Wunsch zu Grunde, etwas zu zeigen, das berührt....“
Für Prisma sprach Stephanie P. Erkens mit der Fotokünstlerin über Vision und Wirklichkeit.
SE: Du erwähnst ein bekanntes Zitat des französischen Philosophen Blaise Pascal: „Nicht was wir sehen, sondern wie wir sehen, bestimmt was wir fühlen.“ Verstehe ich das richtig? Bestimmt unsere Wahrnehmung die Wirklichkeit?
HS: Ja, auf alle Fälle! Unsere Wahrnehmung ist immer subjektiv und erzeugt dadurch eine stets individuelle Wirklichkeit. Denken und Fühlen sind dabei untrennbar miteinander verbunden und wirken zusammen. Qualität und Inhalt der Wahrnehmung beruhen auf unseren Erfahrungen, Übertragungen und Bewertungen. Die Gestimmtheit und die damit verbundene Fantasie beeinflussen das gegenwärtige Erinnern, Kombinieren und Assoziieren. Das „wahr–nehmende“ Erfassen, also wie wir etwas aufnehmen, hängt vom Grad der Aufmerksamkeit, der Identifikation und der inneren Erlebnisfähigkeit ab. Welche Dimension das SEH-Erlebnis erreicht, bestimmt also unsere geistige Haltung sowie unsere emotionale Offenheit und Tiefensensibilität.
SE: In einem Deiner Bilder zeigst du ein Kind, das die Treppe hochgeht, wie durch einen visionären Raum. Was bedeutet dieses Bild für Dich?
HS: Für mich symbolisiert dieses Bild, dass jeder Mensch seine ureigenen Stufen nehmen muss, egal wie gut er in einem sozialen Geflecht eingebunden ist oder nicht. Immer wieder bringt uns das Leben in Situationen, in denen wir aufgefordert sind, eine bewusste Entscheidung zu treffen, um den nächsten Schritt zu gehen. Dies ist Teil unserer Entwicklung ... und wir wissen nicht, wie lang diese Treppe ist und wo sie hinführt.
SE: Du betonst das sich Einlassen auf etwas. Sich auf eine Vision einlassen? Wie entstehen Deine Visionen, Deine Bilder?
HS: Eine Thematik wird von mir mit der ganzen Aufmerksamkeit beleuchtet und aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen. Das Fotomaterial ruht dann für eine Weile im Archiv. Das kann auch über Jahre andauern bis „der Samen auf diesem vorbereiteten Nährboden aufgeht“, d.h. irgendwann ist die Zeit reif: im absoluten Rückzug entsteht eine Korrespondenz zwischen damaligem Aufnahmematerial und jetziger Empfindung. In der Distanz zur äußeren Welt und in der uneingeschränkten Nähe zu diesen ausgebreiteten Bildern ereignet sich ein grenzauflösender Zustand, der sich mit Sicherheit nicht durch einen ausgerichteten Willen einstellt, sondern durch ein „Sich-Überlassen in dem Geschauten“. Das äußere Schauen wird zu einem inneren Schauen und schließlich zu einer Inspiration. Letztendlich ist es die Intuition, die hinter der kreativen Verschmelzungslust einzelner Bildebenen steht. In stiller Abgeschiedenheit „steigt die Blase aus dem Moor“ und es entwickelt sich ein neues Bild.
SE: Geht das, was Du siehst, über die Wirklichkeit hinaus? Was siehst Du denn, wenn Du z.B. in einen Wasserfall schaust?
HS: Das ist schön, dass du mich das fragst. Hier denke ich an meine vielen Tessin-Reisen. Stundenlang habe ich dort an den Wasserfällen gesessen und in diese stürzenden Kaskaden geschaut. Für mich waren es Haare im Wind, springende Pferde, tanzende Geister, verwehende Landschaften, ereignisvolle Strukturen, fließende Farben ... Wasser ist so viel mehr als Wasser, ewiger Kreislauf, Erneuerung, Kraft und Energie. Insofern kann ich sagen, ja, es geht über die Wirklichkeit hinaus, und was ich sehe, ist sicherlich nicht gleich dem, was du siehst oder andere sehen. Das macht es so spannend.
SE: Bist Du eine Seh-Lehrerin? Hast Du ein Anliegen, oder anders gefragt, möchtest Du Sehen vermitteln?
HS: Ja, es ist mir ein Anliegen, die Wahrnehmung zu intensivieren. So sehr wird sie in dieser flüchtigen Welt vernachlässigt, und tatsächlich wird sie ja auch kaum geschult. Wie oft legen wir einen Weg zurück, den wir gut zu kennen glauben, und plötzlich entdecken wir etwas vollkommen Neues, weil wir in diesem einen Moment aufmerksamer hingeschaut, den Blickwinkel oder die Richtung gewechselt haben. Bei meinen Aufführungen, die bewusst die Sinne verlangsamen sollen, spüre ich immer wieder, wie in dieser Entschleunigung die Aufmerksamkeit steigt, wie sich die Konzentration im gemeinsamen Schauen verbindet. Jeder hat seine eigene Art der Wahrnehmung und geht mehr oder weniger tief in die inneren Räume, trotzdem geschieht spürbar ein gemeinsames Gewahrsein im uns umgebenden Raum. Wenn ich dieses wunderbare Gefühl des tiefen Verbundenseins mit allen spüre, dann ist mein Anliegen erfüllt.
SE: Manche Menschen finden keinen leichten Zugang zur eigenen Vision, tun sich schwer, wahrzunehmen, was sie fühlen... hast Du einen Tipp?
HS: Es gibt in uns Menschen so etwas Real-Existierendes, aber das allein kann es nicht sein, dass wir nur faktisch trockenkopfig funktionieren. Da gibt es auch noch eine andere Dimension in uns, dieses nicht Fassbare, das, was wir nicht konkret benennen können. Mir hilft das Wasser, der Fluss, der See, das Meer. Das Wässrige durchspült, reinigt und klärt mich. Wenn ich hier tief hineintauche, dann komme ich mir selbst auf den Grund. Und ich suche die Nacht, weil in der Nacht die Betriebsamkeit und die damit verbundenen Geräusche wegfallen. Die Nacht macht mich frei von Ablenkung, gibt mir Schutz und ich kann ungestört in mich sinken.
SE: Gerne stellst du Deine Projektionen in einen Dialog zu Klang. Musik spielt bei Deiner Arbeit offensichtlich eine wichtige Rolle.
HS: Die Musik ist für mich wie Wind unter den Flügeln, ein Gleitschirm, ein schwebender Teppich. Die akustischen Räume schwingen in mir. Ich spüre wie mich Musik erweitert und beflügelt, wie Töne in mir Bilder erzeugen. Umgekehrt entstehen aber auch Bildräume, die bespielt werden wollen – eine Interaktion. Oft suche ich monatelang nach einer Musik, die sich dem Ursprung des entstandenen Bildes annähert und die Atmosphäre unterstützt. Manchmal inspirieren mich aber auch Geräusche in der Natur, menschliche Stimmen, das Bespielen unterschiedlicher Materialien, Soundcollagen.
SE: Wie sieht Deine Zukunftsvision aus?
HS: Hm, eine interessante Frage, die man immer wieder hört. Ganz ehrlich gesagt habe ich keine Zukunftsvision. Für mich geht es vielmehr darum, so wenig wie möglich zu planen. Natürlich brauche ich kleine Ziele, aber das große Ganze schreibt sich von selbst, und ich versuche mit der größtmöglichen Bereitschaft in Resonanz mit all dem zu gehen, was sich mir zeigt. Mein Wunsch ist es, mit künstlerisch arbeitenden und heilenden Menschen in Verbindung zu sein, kreative Ereignisse zu schaffen, in denen die Kunst heilsam wirkt. ------------------------------------------------------
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